Warum Facebook gerne wie Snapchat wäre

By Thursday, August 18, 2016

„Und täglich grüßt das Murmeltier“, dachte ich mir, als ich vom neuesten Instagram-Produkt hörte. Mit Instagram Stories soll man Bilder und Videos mit lustigen Effekten versehen und rasch teilen können, die aber nicht dauerhaft auf dem Profil aufscheinen sollen. Nach 24 Stunden verschwinden diese wieder, Likes oder Kommentare gibt es nicht. Eines muss man Facebook zugute halten: Zumindest versucht man es dieses Mal nicht zu verstecken und kopiert neben den Funktionen auch gleich den Namen von Snapchat Stories mit.

Misserfolg mit eigenen Apps

Das neue Instagram-Feature ist der neueste, aber wohl nicht der letzte Versuch, dem Konkurrenten Snapchat den Garaus zu machen. 2012, als Snapchat gerade einmal ein Jahr alt war, aber bereits jeden Tag 20 Millionen Snaps verschickt wurden, startete Facebook den ersten Angriff. Poke, eine App, die laut Mark Zuckerberg „mehr als Scherz gemeint war“, scheiterte trotz ähnlicher Idee kläglich. Tatsächlich war die App wohl nicht mehr als ein Druckmittel. Zuckerberg flog, wie später bekannt wurde, mit Poke im Gepäck zu einem Treffen mit Snapchat-Gründer Evan Spiegel und kündigte an, dass man schon bald einen Konkurrenten veröffentlichen wollte. Als möglichen Ausweg bot er ihm drei Milliarden US-Dollar für das Start-up. Spiegel lehnte ab.

Zuckerberg konnte das offenbar nicht auf sich sitzen lassen. Zwei Jahre später startete Facebook mit Slingshot einen neuerlichen Anlauf. Die App verzichtete auf das Facebook-Branding, wohl auch um die Facebook-feindlichen Teenager nicht zu verschrecken. Doch die Tatsache, dass man ein Foto zurückschicken musste, um ein empfangenes Foto zu sehen, stieß auf wenig Begeisterung. So verschwand die App nach mäßigem Erfolg vergangenes Jahr aus den App Stores.

Eine Frage des Alters

Doch warum geht das 1,71 Milliarden aktive Nutzer zählende Soziale Netzwerk dermaßen aggressiv gegen den vermeintlich kleinen Konkurrenten vor? Snapchat zählt laut Bloomberg mehr als 150 Millionen täglich aktive Nutzer, man wächst aber vor allem dort, wo Facebook derzeit Probleme hat. Ein Drittel (34 Prozent) der Snapchat-Nutzer ist zwischen 18 und 24 Jahren alt. Facebook wird hingegen immer älter und stößt mit seinem Wachstum zunehmend an Grenzen. Zudem werden auf Snapchat besonders gerne jene Inhalte geteilt, die Facebook immer öfter fehlten: Persönliches. Eine Vielzahl an Anpassungen des Newsfeed schien keine Abhilfe zu schaffen.

Frei nach Picasso (oder wer auch immer es gesagt haben mag): Schlechte Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen. Dieses Motto scheint Facebook beherzigt zu haben und entschloss sich dazu, Snapchat mit den eigenen Waffen zu schlagen. Auf welcher Seite Facebook zu finden ist – ob man nun kopiert oder gestohlen hat- sei dahingestellt. Denn obwohl Facebook frech Snapchats Funktionen kopiert hat, wird es von vielen Seiten als “besser als Snapchat” gepriesen. Wieso? Wohl auch, weil Facebook mit seiner Kopie Wunden bei vielen Snapchat-Nutzern aufgerissen hat. Snapchat wird immer wieder dafür kritisiert, dass andere, interessante Nutzer nicht innerhalb der App entdeckt werden können. Instagram bietet hingegen Empfehlungen an, die sich nach den eigenen Interessen und Followern richten.

Genug, um das Wachstum zu stoppen

Zudem ist die Oberfläche von Instagram, zumindest zu Beginn, deutlich intuitiver und auch für “Digital Immigrants” leicht verständlich. Hier hat Snapchat mit seinem relativ komplizierten Bedienkonzept bisher erfolgreich (oder unbewusst) gewisse Altersgruppen ferngehalten. Wer geht als Sieger aus dem Wettkampf hervor? Die Situation ist unklar, in vielen Bereichen ist Snapchat nach wie vor überlegen. Doch Instagram, das weit über 500 Millionen Nutzer zählt, ein großer Teil davon aus Snapchats Kernzielgruppe, hat zumindest das Potenzial, diese kurz- oder mittelfristig von Snapchat fernzuhalten.

Was bedeutet das für jene Menschen, die Content produzieren? Das lässt sich ebenfalls schwer abschätzen, doch behaltet zur Sicherheit beide Plattformen im Auge. Snapchat beginnt gerade erst, sich in Europa zu etablieren, Instagram Stories könnte hier das Wachstum erheblich bremsen oder gar umkehren. Für die Inhalte selbst sollte das jedoch keinen Unterschied machen. Sowohl bei Instagram Stories als auch bei Snapchat Stories geht es darum, Momente festzuhalten und damit Geschichten zu erzählen. Die Flüchtigkeit dieser Momente macht es nur schwierig, für beide Plattformen gleichzeitig zu produzieren – also entscheidet euch.