Wer braucht eigentlich Online-Kommentare?

By Friday, August 19, 2016

Das Online-Kommentar, auch bekannt als der Leserbrief des Web 2.0, ist eine Funktion, die fast bei allen modernen Nachrichtenseiten verfügbar ist. Warum auch nicht? Kommentare “kosten nichts und halten den Leser auf der Webseite”, so lautete jahrelang das Argument. Doch mittlerweile scheint es einigen Medienkonzernen zu dämmern, dass dem nicht so ist. So kündigte der US-Radiosender NPR kürzlich an, dass man künftig keine Kommentare mehr auf Online-Artikel erlauben werde. Die offizielle Begründung: Die Kommentare würden keine “nützliche Erfahrung für viele Nutzer bieten”. Einfach ausgedrückt: Kaum jemand schreibt mehr Kommentare.

xkcd.com – CC BY-NC 2.5

Das zeigt auch eine Analyse der Zahlen: NPR verzeichnete im Juli 33 Millionen Unique User und 491.000 Kommentare. Diese wurden aber nur von insgesamt 19.400 Nutzern verfasst – 0,06 Prozent der NPR-Leserschaft. Satte 0,003 Prozent (drei Promille) haben zumindest einmal monatlich gepostet. Zudem zeigte eine Analyse der Juni- und Juli-Daten, dass die überwältigende Mehrheit der Kommentare – 67 Prozent um genau zu sein – von einer kleinen, eingeschworenen Community von 4.300 Nutzern kommt. Ein großer Aufwand, der dem auch staatlich geförderten Radioverbund nun zu viel wurde.

Abhängig von Facebook und Co.

Damit folgt NPR dem Beispiel von vielen anderen namhaften Medienunternehmen: Reuters, die Tech-Portale The Verge und Recode sowie Popular Science und Mic haben mittlerweile die Kommentare unter ihren Artikeln abgedreht. Selbst die New York Times hat mittlerweile Kommentare eingeschränkt, nur zehn Prozent der Artikel können noch kommentiert werden. Stattdessen versuchen diese Unternehmen, neue Wege zu finden, über die sich Leser untereinander und mit der Redaktion austauschen können. So bietet The Verge, klassisch für ein Tech-Portal, eigene Foren an, in denen sich die Nutzer zu bestimmten Themen austauschen können. Andere Unternehmen, wie Reuters und Recode, verlagern die Diskussionen auf Social-Media-Plattformen und gehen dort auf ihre Leser ein.

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Ist es im Zeitalter von Social Media überhaupt noch notwendig, eine eigene Kommentar-Plattform zu betreiben? Jeder kann ohnedies seine Meinung zu einem bestimmten Artikel oder dessen Inhalt auf Facebook, Twitter und Co. verbreiten, dazu müssen die Medien keine eigene Plattform bereitstellen. Kritiker merken an, dass man hier die Kontrolle an ein fremdes Unternehmen abgeben würde – aber haben viele Online-Medien nicht ohnehin schon die Kontrolle an Google, Facebook und Co. verloren? Diese Plattformen, allen voran Google, sind wichtige Traffic-Lieferanten und für den Fortbestand vieler Online-Medien überlebenswichtig. Ich sehe es vielmehr als verantwortungslos an, wenn ein Medienunternehmen Kommentare weiterhin erlaubt, seine Community aber nicht ausreichend unterstützen und Beiträge nicht im erforderlichen Maß moderieren kann. Das sehen auch Experten als Grundvoraussetzung an, damit Online-Kommentare funktionieren können.

Direkter Kontakt statt Nachricht auf Klotüre

Hier zeigt sich ein weiteres großes Problem: Die Gesprächskultur auf einigen Plattformen ist aggressiv und lässt sich nur schwer in den Griff bekommen. Wie Techdirt anmerkt, gibt es bereits eine Studie, die zeigt, dass sich die Gesprächskultur bessert, wenn die Autoren der Artikel sich selbst in den Diskussionen zu Wort melden. Quasi das Gegenteil des oft zitierten “Don’t feed the troll”. Das mag durchaus (in bestimmten Situationen) stimmen, doch die Behauptung, dass das ein geringer Aufwand sei, ist nicht richtig. In vielen Newsrooms herrscht akuter Personalmangel, Redakteure machen sich nach dem Veröffentlichen eines Artikels bereits an den Nächsten und können dabei nicht ständig Kommentare lesen. Auch NPR weist auf dieses Problem hin. Das Community-Management wird oftmals an eigene Mitarbeiter übergeben, die möglicherweise nicht mit so viel Fachwissen antworten könnten oder mit anderen Aufgaben beschäftigt sind, beispielsweise dem Überprüfen rechtlich fragwürdiger Postings. Hier wäre es einfacher, wenn man, wie bei “klassischen Medien”, den direkten Kontakt zur Redaktion oder Redakteur sucht statt ihm eine Nachricht auf einer von vielen “Pinnwänden” zu hinterlassen und zu hoffen, dass er sie liest. 

Foren sind wichtig – sowohl für den Austausch von Meinungen und Information, aber auch um Gemeinschaften bilden zu können, die der Leserschaft ein Gesicht geben. Doch viel zu oft ist der Kommentar-Bereich zum Äquivalent einer mit Graffiti beschmierten Klotüre geworden, auf dem jeder anonym Beleidigungen, Falschinformationen oder einfach nur sinnlosen Schwachsinn hinterlassen kann. Und auch die Tatsache, dass jene Personen, die Kommentare hinterlassen, alles andere als repräsentativ für die eigene Leserschaft sind (83 Prozent aller NPR-Kommentare stammen von Männern, aber nur 53 Prozent der NPR-Leser und -Hörer sind Männer) und oftmals sogar gekauft sind, gibt zu denken. Da fragen sich meiner Meinung nach zurecht viele Medienunternehmen, ob das erhaltenswert ist.